AKTUELL

Von Arbeitsgaleeren, Buchstabensuppen und einem Traumbuch

Gerade entkomme ich einem wochenlangen Arbeitsgaleeren-Gerudere. Ich weiß nicht, wie lange ich mir jetzt die Nächte um die Ohren schlagen muss, um das wieder gutzumachen…
Nur unterwegs war Welt: Bei der wunderbaren Lesung auf dem Salzburger Literaturfest mit Ilma Rakusa, Kathrin Röggla, Anna Katharina Hahn und Ijoma Mangold. Wir wohnten in einem Hotel, in dem es einen Herbert-von-Karajan-Lift und himmlisches Backhendl gab.
Das Festival „Literatur in den Häusern der Stadt“ fand in Berlin zwischen Bademoden statt, in Wiesbaden bei einer älteren Dame mit unglaublicher Grandezza und grandioser Kette, und in Köln direkt am Rhein.
An der Akademie in Düssledorf diskutierte ich mit Kunststudenten zwei Tage lang über die Abbildbarkeit von Wirklichkeit, Raum, Zeit, Holzwürmer, Jonathan Messe, Buchstabensuppen und die Frage, was uns Kunst für Hunde sagt. Jeden Morgen läuft man da durch prachtvolle Gänge an Türen vorbei, an denen  Namen stehen wie: Anthony Cragg, Rosemarie Trockel, Durs Grünbein, und es riecht herllich giftig nach Farbe.
Heute habe ich einen Text über Väter abgeschickt („Der Mut der letzten Zeit“), der in der Salzburger Literaturzeitschrift „Salz“ erscheinen wird. Morgen lese ich einen Text fürs ARD-Radiofestival ein, der im Nachklang zu Kunderas „Scherz“ geschrieben ist: „Wenn ich dich liebe, was geht es dich an?“ und übermorgen gehe ich aus.
Und ein langgehegter Traum hat sich endlich realisiert – zehn Jahre habe ich darauf gewartet: Die Herausgabe des Nachlasses von Dietmar Kamper, für das ich das Vorwort verfasst habe (vier Wochen, 8 Seiten – das war eher U-Boot als Galeere): „Der Traum vom Umzug ins Offene – Dietmar Kampers hermetische Poesie“. Mich inspiriert und berührt kein Autor mehr. Wenn Sie wollen, fangen Sie mit „Horizontwechsel“ an, da ist eine Qualle auf dem Cover, die Kopfstand macht.

Das Traumbuch erscheint im Herbst im Wilhelm Fink Verlag:

Traumbuch

—19.06.2012

Herberts Büro

Herbert liest wieder! Und wer ihn wirklich kennenlernen möchte, der sollte sich in der dritten Folge seine Ausführungen über die Kulturgeschichte der Verwaltung anhören. Sie finden, dass klingt nicht gerade prickelnd? Haben Sie eine Ahnung! Hier spricht einer gleichermaßen leidend und augenzwinkernd über sich selbst und verrät die intimsten Geheimnisse seines Verwalterlebens, von dem ich schon seit Jahren denke, es ist Tarnung!

Ich weiß auch nicht, was mit mir gerade los ist, aber schon das letzte Buch, das mich wirklich überzeugt und inspiriert hat, war ein Angestelltenroman, nämlich Thomas von Steinaeckers „Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und begann zu denken.“ So schlau war schon lange kein Buch mehr. Und jetzt erzählt mir Herbert von einem weiteren „Leben im Büro“ (Christoph Bartmann), das mich überzeugt.
Hab ich’s schon gesagt? Besser als in dieser Episode war Herbert nie. Von mir aus können Sie mit der zweiten Empfehlung anfangen, dann sind Sie gleich mittendrin im Vergnügen.

Ach, so: und noch eine Neuigkeit: Herbert und ich ziehen jetzt gemeinsam nach Istanbul. Warum? Erzähle ich Ihnen das nächste Mal, hat auch was mit Orhan Pamuks Museum der Unschuld zu tun.

—16.05.2012

Tranströmers linke Hand

dpa
dpa

Ich hatte Ihnen noch einen Nachtrag zur litcologne versprochen, hier ein erstes Fragment:

Michael Krüger sagte: „So, und jetzt hole ich Euch den Tomas.“ Ein paar Momente vergingen, in denen der Saal den Atem anhielt, weil bis zum Schluß nicht entschieden war, ob Tranströmer sich wirklich auf die Bühne wagen wollte. Dann kam er, begleitet von Krüger und seiner Frau. Und im ersten Augenblick schien ihm aufzugehen, dass es die richtige Entscheidung war, denn er schmunzelte und schaute lange so ins Publikum. Ich weiß nicht, ob man seinen verschmitzten Ausdruck auf dem Photo sehen kann, oder ich mich nur daran erinnere…
Danach warf er seine linke Hand mehrmals mit einer solchen Verve in den Saalhimmel, dass ich am liebsten laut aufgelacht hätte. Seine Frau, Krüger und sein Übersetzer lasen Gedichte vor und sprachen über sein Leben. Tranströmers Stimme kam vom Band. Seine linke Hand kann immer noch virtuos Klavierspielen. Das ganze Leben in der linken Hand. Und so stand am Bühnenrand ein Flügel bereit. Aber Tranströmer spielte nicht, er schaute, schmunzelte und winkte. Für mich wurde das Versprechen trotzdem eingelöst.

—04.05.2012

Katharina Grosse bei Johann König

Foto -Kg-1
Gestern Abend bei Katharina Grosses Ausstellung „They had taken things along to eat together.“
Sollte Euch Euer Leben lustlos, eingefahren, zu groß oder zu klein vorkommen: go!
Galerie Johann König. Dessauer Straße 6-7.

—28.04.2012

An der Angel

Twin Portraits and Other Paintings by Andrea Ventura

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Vita von Wedel schrieb in der FAZ: Mit der guten alten Malerei zu neuen Realitäten? Wie das geht, zeigt Andrea Ventura bei White Trash Contemporary in Hamburg.

Hamburger: nichts wie hin – noch bis zum 4. Mai! Ich habe ein kleines Bild von Andrea Ventura in meinem Wohnzimmer hängen und kann mich daran nicht sattsehen. Es angelt meinen Blick jedes Mal aufs Neue mit seiner Tiefgründigkeit, und ich habe den Fisch, der da zappelt, noch nie zu fassen bekommen. Dieses Phänomen ist Andreas Bildern allesamt eigen: sie entschlüsseln sich nicht und werden mit jedem Blick noch verlockender – so wie die Zwillingsdamen auf grünem Grund.

Andrea ist der Mann von Sophie Zeitz, meiner Freundin und Lieblingsübersetzerin (hat u.a. Joseph Conrad neu übersetzt), die auf meinen bereits dreifach korrigierten Manuskriptseiten immer noch mindestens fünf stilistische Volten vorschlägt, die natürlich alle Punktlandungen sind.

Sophie ist die Schwester von Lisa Zeitz (siehe mein Eintrag: Die Niemanns). Und spätestens jetzt ist klar, warum ich Ethnologie studiert habe: nicht nur, um mein chronisches Fernweh zu stillen, sondern auch, weil ich kaum etwas lieber tue, als Verwandtschaftbeziehungen (blutige und nicht blutige) herzustellen.

—27.04.2012