Laut und Leise

Bis 2015 habe ich vor allem geschrieben: Romane und Erzählungen, Essays, Kolumnen und Katalogtexte. Ich habe sehr viel gelesen und einige Zeit am Tag damit verbracht, aus dem Fenster zu schauen, um Sätze sinken oder aufsteigen zu lassen. Ohne Konzentration, Ruhe und dem Gefühl der Zeitlosigkeit kann ich nicht in die Zonen hinein loten, aus denen das Schreiben schöpft. Tagsüber war es so still um mich herum, dass ich abends um die Häuser ziehen musste, um die Stille aufzuwirbeln.

Ein bisschen laut war es vor 2015 auch schon – durch das Netzwerk der 100 Frauen, das ich mit Katharina Grosse zusammen gegründet habe. Mit zehn dieser Frauen gebe ich seit Jahren die Kolumne „10 nach 8“ auf ZEIT Online heraus, mit 37 aus diesem Netzwerk haben Katharina Grosse und ich zusammen die Januar VOGUE 2020 gestaltet. Ich hatte eine Radiokolumne  und arbeite seit Jahren mit bildenden Künstlerinnen zusammen. Vor meinen Seminaren an der Kunstakademie in Düsseldorf und anderen Universitäten habe ich den Studierenden zum Warmwerden Tanzvideos gezeigt.

Doch mit der Gründung von WIR MACHEN DAS und Weiter Schreiben hat sich mein Leben umgestülpt. Mein Leben ist seither gleichzeitig sehr leise und sehr laut. Das war lange so vereinnahmend und existentiell aufwühlend, dass ich  keinen Roman schreiben konnte. Für einen Roman muss ich Zeit verschwenden können, stundenlang aus dem Fenster schauen und mit Sätzen, die Torhüter sind, tagelang verhandeln. Ich muss das Gefühl haben, von der Welt in Ruhe gelassen zu werden. Ich hatte bisher noch nicht einmal einen Hamster für die Kinder, weil ich immer dachte, ein Hamster wäre schon zu viel Welt, die ruft.

In dieser Umbruchsphase habe ich einen Briefwechsel mit Zeruya Shalev geführt und zwei Kinderbücher geschrieben: „LOTTO macht, was sie will“ und „LOTTO will was werden“, weil Kinderbücher auch ohne Versenkung entstehen können. Mit dem letzten Roman „Die Nächte auf ihrer Seite“ habe ich einiges meines jetzigen Lebens vorweg genommen, das erstaunt mich zunehmend, bestätigt mich aber in meiner Ahnung, dass mein Schreiben mehr weiß als ich.

Die lange Zeit ohne Schreiben hat mir körperlich zugesetzt, ich hatte zwischendurch das Gefühl, ich platze, so sehr hatte sich aufgestaut, was geschrieben werden wollte. Um den Raum fürs Schreiben aufrechterhalten zu können, musste ich mir strenge Regeln geben und mich sehr genau beobachten. Vor diesem Prozess hätte ich immer gedacht, ich kenne mich in meinem Arbeits- und Schreibverhalten ziemlich genau. Seither weiß ich: Ich bin anders als ich dachte.

Meine Erfahrungen mit Weiter Schreiben und WIR MACHEN DAS haben mein Schreiben verändert. Ich habe in den letzten sieben Jahren täglich mit Menschen zu tun gehabt, die für ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ihr Leben riskiert haben. Mein Über-Ich, das sich früher relativ selbstherrlich eingemischt hat, kommt mir jetzt reichlich handzahm vor und ich weiß meine eigene Freiheitsmöglichkeit (auch im Schreiben) ganz anders zu schätzen.

Schreiben ist für mich nach wie vor ein Aufbruch ins Ungewisse. Um aufzubrechen brauche ich eine Frage, die mich so umtreibt, dass ich sie nur schreibend erkunden kann. Dann legt der Dampfer ab. Die Frage entsteht aus dem Bekannten, das mir plötzlich fremd wird. Es sind die alltäglichen Themen, die mir  fragwürdig erscheinen: Wie wir heute lieben, wovor wir Angst haben, was wir uns wünschen, wo unsere blinden Flecken sind, wie wir uns über das Andere konstruieren…

Nie mache ich ein Konzept, bevor ich mit einem neuen Text beginne, jeden Tag entscheide ich mich aufs Neue für den Blindflug. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Denken nur dann im Erzählen aufgehen kann, wenn ich es seine eigene Geschichte finden lasse. Alles, was ich konstruiert habe, klingt auch konstruiert. Es ist so, wie Paul Valéry geschrieben hat: „Du bist die Stimme des dir selbst Unbekannten.“

Anfang 2023 erscheint nun mein neuer Roman „Männer sterben bei uns nicht“ im Hanser Berlin Verlag.

 

 

In der Folge 15 des Videoblogs „Herbert liest!“ zeigt Ihnen Herbert Grieshop mein Bücherregal, das untere und das obere.

Wir sprechen über das Schüchternsein, Taiye Selasi, nicht über Elfriede Jelinek, aber umso mehr über unseren (nicht harmonisierbaren) Literaturgeschmack und unsere sich gegenseitig ausschließende Vorliebe für Heimweh- bzw. Fernweh-Philosophen. (Herbert hat Heimweh, ich: Fernweh – intellektuell, aber auch nicht-intellektuell, also zum Meer, zum Meer.)

Dann sprechen wir noch über meinen Giftschrank, gescheiterte Projekte, Hedonismus, abstruse Metaphysik und den Mittagsschlaf in der Nähe meines Schreibtischs.