Laut und Leise

Bis 2015 habe ich vor allem geschrieben: Romane und Erzählungen, Essays, Kolumnen und Katalogtexte. Ich habe sehr viel gelesen und einige Zeit am Tag damit verbracht, aus dem Fenster zu schauen, um Sätze sinken oder aufsteigen zu lassen. Ohne Konzentration, Ruhe und dem Gefühl der Zeitlosigkeit kann ich nicht in die Zonen hinein loten, aus denen das Schreiben schöpft. Tagsüber war es so still um mich herum, dass ich abends um die Häuser ziehen musste, um die Stille aufzuwirbeln.

Ein bisschen laut war es vor 2015 auch schon – durch das Netzwerk der 100 Frauen, das ich mit Katharina Grosse zusammen gegründet habe und das mich stärkt wie kaum etwas anderes. Mit zehn dieser Frauen gebe ich seit Jahren die Kolumne „10 nach 8“ auf ZEIT Online heraus. Ich hatte eine Radiokolumne  und arbeite seit Jahren mit bildenden Künstlerinnen zusammen. Vor meinen Seminaren an der Kunstakademie in Düsseldorf und anderen Universitäten habe ich den Studierenden zum Warmwerden Tanzvideos gezeigt.

Doch mit der Gründung von WIR MACHEN DAS und Weiter Schreiben hat sich mein Leben umgestülpt. Mein Leben ist jetzt gleichzeitig sehr leise und sehr laut. Das war lange ungewohnt, doch langsam gelingt mir die Balance. In den Umbruchsjahren habe ich keinen Roman geschrieben, aber einen Briefwechsel mit Zeruya Shalev geführt und mir zwei Kinderbücher ausgedacht: „LOTTO macht, was sie will“ und „LOTTO will was werden“, weil Kinderbücher auch ohne Versenkung entstehen können. Mit dem letzten Roman „Die Nächte auf ihrer Seite“ habe ich einiges meines jetzigen Lebens vorweg genommen, das erstaunt mich zunehmend, bestätigt mich aber in meiner Ahnung, dass mein Schreiben mehr weiß als ich.

Der nächste Roman ist inzwischen am Horizont erschienen. Es gelingt mir nun mehr und mehr, mir aus dem Trubel heraus einen Raum zu schaffen, in dem Schreiben möglich ist.

Schreiben ist für mich ein Aufbruch ins Ungewisse. Um aufzubrechen brauche ich eine Frage, die mich so umtreibt, dass ich sie nur schreibend erkunden kann. Dann legt der Dampfer ab.

Die Frage entsteht aus dem Bekannten, das mir plötzlich fremd wird. Es sind die alltäglichen Themen, die mir  fragwürdig erscheinen: Wie wir heute lieben, wovor wir Angst haben, was wir uns wünschen, wo unsere blinden Flecken sind, wie wir uns über das Andere konstruieren…

Nie mache ich ein Konzept, bevor ich mit einem neuen Text beginne, jeden Tag entscheide ich mich aufs Neue für den Blindflug. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Denken nur dann im Erzählen aufgehen kann, wenn ich es seine eigene Geschichte finden lasse. Alles, was ich konstruiert habe, klingt auch konstruiert. Es ist so, wie Paul Valéry geschrieben hat: „Du bist die Stimme des dir selbst Unbekannten.“

 

 

In der Folge 15 des Videoblogs „Herbert liest!“ zeigt Ihnen Herbert Grieshop mein Bücherregal, das untere und das obere.

Wir sprechen über das Schüchternsein, Taiye Selasi, nicht über Elfriede Jelinek, aber umso mehr über unseren (nicht harmonisierbaren) Literaturgeschmack und unsere sich gegenseitig ausschließende Vorliebe für Heimweh- bzw. Fernweh-Philosophen. (Herbert hat Heimweh, ich: Fernweh – intellektuell, aber auch nicht-intellektuell, also zum Meer, zum Meer.)

Dann sprechen wir noch über meinen Giftschrank, gescheiterte Projekte, Hedonismus, abstruse Metaphysik und den Mittagsschlaf in der Nähe meines Schreibtischs.